Fachräume
Hier hui, dort pfui
Große regionale Unterschiede bei der Fachraumqualität
Markus Hofmann
Ein Stück vom Investitionskuchen des Bundes hat nahezu jede Kommune abbekommen. Doch nicht überall stehen die Schulen bei der Mittelverteilung oben auf der Prioritätenliste. Zu vieles bedarf dringend einer Sanierung, Reparatur oder Modernisierung: Verkehrswege, Krankenhäuser, Pflege- und Freizeitheime, Schwimmbäder, öffentliche Gebäude und Anlagen – da sind selbst zweistellige Millionenbeträge schnell verbraucht.
Ungerecht verteilt?
Aber selbst Schulen in spendablen, auf Bildungsinvestitionen bedachte Kommunen gingen zuweilen leer aus. In der Region Braunschweig zum Beispiel. Während des seit 2001 laufenden Schulsanierungsprogramms investierte die Stadt in 31 Schulen bisher 52 Millionen Euro, weitere 16 Millionen sind bis 2013 vorgesehen. Hinzu kommen 12,6 Millionen aus dem Konjunkturpaket und weitere 70 Millionen aus privat-öffentlichen Partnerschaften. Und doch kämpft das Lessing-Gymnasium in Wenden ums nackte Überleben. Schulleiter Wolfgang Froben klagt über Probleme mit Dämmung und Dächern sowie über Platzmangel. In Wenden verstärkt sich die Sorge, dass der schleichende Verfall zur Schließung des Gymnasiums führen könnte.
Ähnliches fürchtet auch Uwe Bettscheider, Leiter des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums in Bonn. Er hatte sich im September mit einem offenen Brandbrief an die Mitglieder des Stadtrates gewandt: Der Zustand seiner Schule sei „mangelhaft bis katastrophal“. Seit Jahren verschiebt die Stadt Bonn die Sanierung der naturwissenschaftlichen Räume mit Hinweis auf die schlechte Haushaltslage. Jetzt dürfen Bettschneiders Schüler dort nicht einmal mehr experimentieren: Die betagten Gas- und Stromanlagen waren bei einer Sicherheitsprüfung durchgefallen.
Eine Abwärtsspirale
„Wir sind das einzige zertifizierte MINT-Gymnasium in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis und können keine Schülerexperimente mehr durchführen. Das ist doch absurd“, klagt der Direktor. Daraus ergibt sich nun ein weiteres Problem: Es gelänge nicht mehr, Chemielehrer an seine Schule zu holen. „Bereits zwei Mal haben mir sehr gute Bewerber nach einem Rundgang durch den MINT-Fachbereich abgesagt“, sagt Bettschneider. Die wenigen guten Fachlehrer, die es noch gebe, wanderten ab in Kommunen mit besser ausgestatteten Schulen.
Zwangsläufig verliert eine derart marode Einrichtung an Attraktivität für die Eltern. Sie schicken ihre Kinder lieber auf eine andere Schule. Umso geringer dann die Bereitschaft der öffentlichen Hand, das Ruder noch einmal herumzureißen. Ein Teufelskreis, in dem sich viele deutsche Schulen sehen.
Im Aufwind
Ganz anders in Gehrden. Die Kleinstadt bei Hannover hat immerhin eine knappe halbe Million Euro aus dem Konjunkturpaket in ihre weiterführenden Schulen investiert. Besonders die Fachräume hatten das nötig, sagt Jens Dosdall, Gehrdens Fachbereichsleiter Bildung und Soziales. Im Obergeschoss des Matthias-Claudius-Gymnasiums sei für rund 80.000 Euro ein Chemieraum umgebaut und mit modernen Geräten ausgestattet worden, berichtet Dosdall. Zudem wurden die alten Kreidetafeln durch interaktive Whiteboards ersetzt.
Satte 400.000 Euro flossen in die Haupt- und Realschule. Die Fachräume für Biologie, Chemie und Physik sowie ein Werkraum wurden auf ein Top-Niveau gebracht. So sei nun eine praxisnahe Ausbildungsvorbereitung in handwerklichen Berufen möglich, sagt Dosdall.
Vorzeigeprojekte
Andere Schulen können sich sogar richtigen Luxus leisten – wenn man eigentlich selbstverständliche Maßnahmen, die die Lernkultur fördern, mal so nennen will. Die Realschule am Europakanal in Erlangen gehört zu den Glücklichen. Sie machte auf kluge Weise aus einer Not eine Tugend, denn sie hatte ein Platzproblem. Rund 600 Schüler konnte sie früher unterrichten, heute sind es 900. Möglich ist das, weil die Schule vor drei Jahren zu einer radikalen Veränderung bereit war: Sie wandelte alle Klassen- in effizienter nutzbare Fachräume um. So konnten mehr Schüler aufgenommen werden. Zugleich hat die Schule – mit tatkräftigem Einsatz von Schülern, Eltern und Lehrern – ganz neue Raumkonzepte verwirklicht. Die gesamte Schule ist zu einem ergonomisch und geschmackvoll eingerichteten Wohlfühlort umgestaltet worden. Für ihr Konzept erhielt die Realschule dieses Jahr den Deutschen Schulpreis.
Die Liste solcher Beispiele – positive wie negative – ließe sich beliebig fortführen. Das zeigt, wie ungleich unsere Schulen heute dastehen. Eine homogene Bildungslandschaft bleibt also vorerst Utopie. Und damit auch die Chancengleichheit, die doch aber so dringend nötig wäre, um den Output an hochqualifizierten Schulabgängern zu steigern.
Journal der Leipziger Buchmesse