Berufsorientierung
Know-how statt Lockenwickler
Mädchen machen in MINT-Berufen mobil – aber nur zögernd
Markus Hofmann
Mädchen und Frauen in technischen Branchen sind ein (noch) viel zu seltener, ungewohnter Anblick – vor allem für die Männer. Vielen fällt es schwer zu akzeptieren, dass weibliche Kolleginnen ebenso kompetent wie sie selbst ihren Beruf ausfüllen können …
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Cornelia setzt sich die Schutzbrille auf und wirft die Fräse an. Lärm und fliegende Metallspäne machen der 17-Jährigen nichts aus. Im Gegenteil. Etwas mit eigenen Händen zu basteln oder zu reparieren und der Technik dahinter auf die Spur zu kommen, sei schon immer ihr Ding gewesen, sagt sie. Ihr Vater habe sie bestärkt, dieses Talent für ihre berufliche Zukunft zu nutzen. Und so macht Cornelia nun eine Ausbildung zur Industriemechanikerin bei der Robert Bosch GmbH in Bamberg – und in einem Internet-Podcast anderen Mädchen Mut, ebenfalls einen technischen Beruf zu ergreifen, wenn sie Spaß daran haben.
Festgefahrene Berufswahl
Cornelia gehört (bezogen auf den deutschen Arbeitsmarkt) zu einer winzigen Minderheit. In Metallberufen sind gerade mal 2,2 Prozent der Ausbildungsabsolventen weiblich, im Elektrikbereich sieht es kaum besser aus. Mehr als die Hälfte der Mädchen wählt aus nur zehn verschiedenen Ausbildungsberufen im dualen System. Kein einziger naturwissenschaftlich-technischer ist darunter. Laut einer aktuellen Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) ergreifen die Schulabgängerinnen kaufmännische Berufe, werden Friseurin oder Fachangestellte in Labors und Kanzleien.
Bei der Studienwahl von Abiturientinnen verhält es sich ähnlich. Nach wie vor schreiben sich junge Frauen eher für Sozial-, Geistes-, Gesundheits- und Erziehungswissenschaften ein, junge Männer dagegen deutlich öfter für Physik, Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Das liegt nicht etwa an den vermeintlich schlechteren Noten der Mädchen in den MINT-Fächern. Im Gegenteil: Im Durchschnitt machen Mädchen ein besseres Abitur als Jungen und schneiden in den MINT-Fächern mindestens genauso gut ab. Mangelndes Talent kann also nicht der Grund für ihre MINT-Abstinenz sein.
Bremsende Klischees
Seit Generationen hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass es nun mal Berufe gebe, die für Frauen „nichts sind“, weil zu schmutzig, zu laut, zu gefährlich, zu kompliziert, zu anstrengend. Nicht nur Männer, selbst viele junge Frauen denken noch heute so. Sie verharren in einem Rollenverständnis, das zwar als überkommen gilt, aber trotzdem noch in den Köpfen herumspukt. Es engt die Berufsperspektiven vieler Frauen stark ein, es nagt an ihrem Selbstbewusstsein. Und bringt Männer dazu, Frauen MINT-Kompetenzen abzusprechen. Emanzipation hin, Gleichstellung her. Entsprechend dick muss leider das Fell jener Mädchen sein, die sich den vielerorts frauenfeindlichen Strukturen in „Männerberufen” stellen wollen. Von der häufig schlechteren Bezahlung für gleiche Tätigkeiten ganz zu schweigen.
Gegenbewegungen
Diese Strukturen aufzubrechen, hat sich die Bundesregierung vorgenommen. Seit Jahren stellt sie sich hinter Projekte, die Mädchen für MINT-Berufe und -Studiengänge begeistern und potenzielle Arbeitgeber von weiblicher Kompetenz überzeugen wollen. Der „Girls'Day” ist das größte und populärste. An diesem 2001 vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit ins Leben gerufenen „Mädchen-Zukunftstag” beteiligen sich u. a. die Initiative D21, die Bundesagentur für Arbeit, der DGB sowie Arbeitgeberverbände und Kammern. Das Interesse daran wächst auf allen Seiten: Mit mehr als 9.600 Veranstaltungen beteiligten sich im April am zehnten Girls’Day so viele Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen wie noch nie. Seit dem Start der Aktion vor neun Jahren haben mehr als eine Million Teilnehmerinnen Berufe in Technik, Naturwissenschaften, Handwerk und IT kennengelernt und damit ihr Berufswahlspektrum erweitert. Mit über 21.000 Studienanfängerinnen in den Ingenieurwissenschaften begannen zuletzt mehr Frauen ein Technikstudium als je zuvor. In zehn Prozent der beteiligten Unternehmen sind ehemalige Girls'Day-Teilnehmerinnen in technischen Berufen tätig.
Cornelia, die Industriemechanikerin in spe, ist eine von ihnen. In der technisch-gewerblichen Ausbildung ihres Betriebes beträgt der Frauenanteil mittlerweile sogar über 30 Prozent. „Hierzu hat der Girls’Day einen erheblichen Beitrag geleistet“, erklärt Sabine Köbrich, Ausbilderin bei der Robert Bosch GmbH. In Zukunft wird aufgrund des Fachkräftemangels die Bedeutung des Mädchen-Zukunftstages weiter zunehmen. Darum setzen die Initiatoren auf die Schulen: Als Schnittstelle zwischen den Schülerinnen und der Berufswelt bauen bereits viele den Girls'Day fest in die unterrichtliche Berufsorientierung ein, und es sollen noch mehr werden. Das erhoffen sich auch die Intiatoren weiterer MINT-Projekte wie „Komm, mach MINT!“, „THINK ING“, „tasteMINT” oder „Jump in MINT” (siehe Weblink-Auswahl im Kasten).
Alles in Butter?
Insgesamt sind also vielfältige, wirkungsvolle Aktivitäten in Bildungswesen und Wirtschaft zu verzeichnen, die Mädchen und junge Frauen an MINT-Berufe heranführen. Doch wie lange es dauern wird, bis Rollenklischees und frauenfeindliches Klima in der Berufswelt einem kollegialen, produktiven Miteinander weichen, weiß niemand. Hier spielt sich ein komplexer normativ-gesellschaftlicher Wandlungsprozess ab. Der aber umso schneller verlaufen wird, je mehr selbstbewusste, MINT-kompetente Mädchen und Frauen in bisher männerdominierte Berufe streben. Und je konsequenter Schulen die MINT-Talente ihrer Schülerinnen entwickeln und fördern, desto einfacher wird es für Mädchen, sich dieser Herausforderung zu stellen. Statt auf den ausgetretenen Pfaden der Berufswelt ihr Potenzial zu vergeuden.
… und nehmen sie häufig nicht wirklich ernst. Doch langsam brechen die Rollenklischees auf: Immer mehr Unternehmen setzen auf Mädchen und Frauen, um ihren Bedarf an Fachkräften zu decken
Auch die naturwissenschaftlich-technische Forschung ist bislang männerdominiert. Zahlreiche MINT-Projekte ermutigen junge Frauen jedoch, dort Karriere zu machen – und auch leitende Funktionen zu übernehmen
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