Jahr der Chemie
Chemie schlägt die Fußball-Bundesliga
Viel Beifall für bundesweiten Tag der offenen Tür in Industrie und Hochschulen
Markus Hofmann
Es sind schon imposante Daten, mit denen unsere Chemie-Industrie aufwartet: Deutschland ist der größte Chemieproduzent in Europa. Mit etwa 415.000 Beschäftigten ist die Branche unser sechstgrößter industrieller Arbeitgeber. Rund 9,3 Mrd. Euro investierte sie im Jahr 2010 in Forschung und Entwicklung – kaum weniger als die deutsche Autoindustrie.
Trotzdem hat der Riese ein Imageproblem. Chemie wird auch immer mit Umweltzerstörung in Verbindung gebracht. Da nützt es nichts, dass sich BASF, Bayer und Co. längst die Zauberworte „nachhaltig“ und „ökologisch“ auf ihre Fahnen geschrieben haben: Begriffe wie Dioxin, Quecksilber, Zyanid, Kadmium oder Benzol beschwören Bilder von kranken Menschen und verseuchten Biotopen herauf. Aber das ist eben nur eine Seite der Medaille: Chemie hat auch den Boden für technischen Fortschritt bereitet. Ohne Düngemittel würden noch viel mehr Menschen auf der Welt den Hungertod sterben als ohnehin schon; Kleidungs-, Arzneimittel- und Treibstoffproduktion sind ohne Chemie nicht denkbar, ebensowenig Handy-Akkus und Joggingschuhe, Solarzellen und Alleskleber.
Verbeugung vor Madame Curie
Mit dem Internationalen Jahr der Chemie (englisch abgekürzt: IYC) hat die UNESCO eine Lanze für diese Wissenschaft gebrochen. Anlass ist ein 100 Jahre zurückliegendes Ereignis: Im November 1911 erhielt Marie Curie den Nobelpreis für Chemie.
Das IYC ist eingebettet in die Dekade zur Erziehung zur Nachhaltigen Entwicklung 2005–2014 der Vereinten Nationen und betont die Bedeutung von Chemie für mehr Nachhaltigkeit. Zudem soll es dazu beitragen, dass Bildungsinstitutionen, Unternehmen, Regierungen und Nicht-Regierungsorganisationen sich stärker vernetzen und in Zukunft besser zusammenarbeiten. Auch hierzulande nahm die Branche das Aktionsjahr als willkommenen Anlass, ihr Innovationspotenzial zu demonstrieren und so ihr Image in der Öffentlichkeit aufzupolieren.
Chemie als Fortschrittsmotor
Bei ihrem siebten bundesweiten Tag der offenen Tür registrierte die chemische Industrie deutlich mehr Zulauf als die acht Spiele der 1. und 2. Bundesliga zusammen. Diese erfolgreiche Bilanz zog der Verband der Chemischen Industrie (VCI) anlässlich des Aktionstages, der in Deutschland den Höhepunkt im Internationalen Jahr der Chemie darstellte.
Klaus Engel, Präsident des VCI, erklärte zur Resonanz auf den Aktionstag: „Dieser Tag war ein tolles Erlebnis und ein Gewinn für beide Seiten: Die Besucher konnten entdecken, wie die Arbeitswelt der chemischen Industrie funktioniert. Die Unternehmen konnten zeigen, wie wichtig die Produkte der Chemie für unser tägliches Leben und für die Wirtschaft unseres Landes sind.“ Da die chemische Industrie vor allem Vorleistungen für andere Branchen erbringt, sei es notwendig, so Engel, immer wieder aktiv zu kommunizieren, welchen Nutzen ihre Produkte haben.
Viele Chemie-Unternehmen (hier die BASF) führen Kinder und Jugendliche an die Chemie in Schülerlaboren heran – und wecken nicht nur mit kleinen Präsenten Begeisterung fürs Forschen
© BASF – The Chemical Company, 2011
Für Besichtigungen, Ausstellungen, Experimente und Unterhaltung hatten fast 250 Chemiewerke und 40 Hochschulinstitute ihre Pforten geöffnet. Aus nächster Nähe konnten kleine und große Bürger so erfahren, an welchen Materialien und Wirkstoffen die Chemie forscht und wie Sicherheitsvorkehrungen oder Umweltschutz-Maßnahmen in der Chemie umgesetzt werden. Viele junge Besucher interessierten sich besonders für Ausbildungsmöglichkeiten in den Unternehmen und für die Studiengänge der Hochschulen – nach Einschätzung von Bundeswirtschaftsminister Rösler ein entscheidender Aspekt: „Viele Chemieunternehmen suchen dringend Auszubildende und Fachkräfte“, so der Vizekanzler. „Der bundesweite Tag der offenen Tür war gerade auch für junge Menschen eine hervorragende Gelegenheit, die spannende Welt der Chemie zu entdecken.“
Weitere Informationen: www.ijc2011.de
Journal der Leipziger Buchmesse