MINT
Hier spielt die Musik
NAWI-Unterricht auf dem Weg zu neuer Akzeptanz
Markus Hofmann
Was stimmt denn nun? Haben wir einen Fachkräftemangel oder nicht? Glaubt man den Arbeitgeberverbänden, ist er nicht nur da – er könnte schlimmer kaum sein. Wirtschaftsminister Rösler und seine Kollegin aus dem Arbeitsministerium, Ursula von der Leyen, lassen sich gern als Multiplikatoren dieser Ansicht einspannen, ohne je hinterfragt zu haben, was an den Schreckensmeldungen der Wirtschaftsbosse eigentlich dran ist. Stattdessen entwickelt die Bundesregierung weiter eine Strategie nach der anderen, wie der vermeintliche Mangel, der uns den Wohlstand kosten könne, am besten zu beheben sei.
Ein Phantom geht um
Anfang 2011 kam aus den Unionsfraktionen der Vorschlag, arbeitslose junge Leute aus europäischen Schuldenländern wie Portugal oder Spanien anzuwerben, damit sie hier als Fachkräfte arbeiten. Schließlich sei es „besser, die Arbeitskräfte aus Europa zu holen, als erneut das Zuwanderungsgesetz für Migranten aus anderen Weltregionen zu ändern“, meint der CSU-Sozialpolitiker Max Straubinger. Die Bundesregierung könne Werbeaktionen der Wirtschaft flankieren. Auch Kanzlerin Angela Merkel sei dem nicht abgeneigt.
Doch bereits im November 2011 hatte diese Interessengemeinschaft kräftig Wind von vorn bekommen. In einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hieß es, der überall kolportierte Fachkräftemangel sei „eine Fata Morgana“, es gebe keine wirklichen Anzeichen dafür. Selbstverständlich setzte es dafür Hiebe aus Wirtschaft und Politik, worauf der Autor der DIW-Studie etwas zurückruderte, aber im Kern bei seinen Aussagen blieb. Den Gegenbeweis, dass es den Fachkräftemangel tatsächlich gibt, ist die Bundesregierung bisher schuldig geblieben.
Der Blick schweift ab
Was hat diese Kontroverse nun mit naturwissenschaftlich-technischen Fachräumen zu tun? Ganz einfach: Der Mangel, so beklagen Wirtschaft und Politik immerhin nicht ganz ohne Selbstkritik, habe seine Ursache auch in der unzureichenden Förderung der MINT-Fächer an deutschen Schulen, und der marode Zustand der dafür nötigen Fachräume sei daran mit Schuld. Dank Konjunkturpaket II konnten viele Schulen ihre Räume sanieren und modern ausstatten, sodass die MINT-Fächer bei den Schülern (und Lehrern) wieder an Attraktivität gewinnen.
Nun haben wir (trotz Euro-Krise) aber gerade Aufschwung, und der würde durch den angeblichen Fachkräftemangel akut bedroht, so die Argumentation von Brüderle und Co. Warten, bis die frisch MINT-motivierten Schülerinnen und Schüler reif für den Arbeitsmarkt sind, dauert zu lange. Die Löcher müssen jetzt gestopft werden. Also orientiert man sich in Richtung Ausland, um dort sofort verfügbares Fachkräfte-Potenzial zu erschließen.
Der Blick wandert somit wieder weg von unseren Schulen. Selbst wenn heute motivierte Lehrkräfte in neuen, modernen Fachräumen wieder mehr Schüler für die MINT-Fächer begeistern, wird dennoch so manche künftige Fachkraft in die Röhre schauen. Geht es nach Bundesregierung und Arbeitgeberverbänden, sind viele potenzielle Stellen dann bereits an ausländische Spezialisten vergeben.
Talente wecken ist immer richtig
Von diesen trüben Aussichten sollten sich die Schulen aber nicht beirren lassen. Um den tatsächlich vorhandenen Rückstand in der naturwissenschaftlich-technischen Ausbildung aufzuholen, muss es jetzt darum gehen, das Interesse der Schüler an MINT um ihrer selbst willen zu wecken. Denn wer sich seine Lebenswelt verstehend erschließen will, erwirbt in diesen Fächern dafür wichtige Kompetenzen. NAWI-Fachräume im Speziellen verknüpfen Theorie und Praxis im Experiment – einer Arbeits- und Lernform, die den Forscherdrang zugleich weckt und stillt. Die Bedeutung des experimentellen Erfahrens in allen Altersstufen ist insbesondere für die MINT-Fächer längst anerkannt. Es entspricht der auch in anderen Fächern etablierten Leitlinie, die Schüler vom Handeln zum Verstehen zu begleiten. Im Umkehrschluss erhält das (ebenso unverzichtbare, aber eher unbeliebte) theoretische Lernen in den Augen der Schüler seine Legitimation.
Ein Raum wird zur Er-Lebenswelt
Die richtige Größe und Ausstattung vorausgesetzt, spricht Fachraum-Unterricht alle Sinne an und nutzt die kognitiven Fähigkeiten der Schüler in ganzer Breite. Das Bild vom „Dritten Pädagogen“, dem motivierenden Unterrichtsraum, gewinnt hier wohl seine schärfsten Konturen: Eine fachdidaktisch optimale, weil multifunktional einsetzbare technische Einrichtung erhöht die Attraktivität von Unterrichtsinhalten, fördert den Verstehensprozess, gleicht geschlechterspezifische Unterschiede in den Vorlieben aus und ermutigt die Schüler zum selbstständigen Handeln. So werden viele Unterrichtsziele überhaupt erst möglich. Dem Fachraum wächst somit die Bedeutung eines eigenständigen Unterrichtsfaktors im schulischen Kontext zu.
Wir wollen auch nicht die Lehrkräfte vergessen, denn sie sind es, die den Fachraum dazu nutzen müssen, Verstehensprozesse in Gang zu setzen. Je besser er konzipiert und ausgestattet ist, desto leichter geht ihnen diese Arbeit von der Hand. Und auch da gibt es großen Nachholbedarf. Denn bevor die Schulen ihre Fachräume mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket sanieren konnten, war die Motivation der Lehrkräfte, dort guten Unterricht zu machen, auf den Nullpunkt gesunken. Selbst naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtete Schulen konnten nicht einmal mehr ihre freien NAWI-Stellen besetzen, weil niemand in den veralteten Räumen lehren mochte – oder konnte, wenn sie aus sicherheitstechnischen Gründen stillgelegt waren.
Es steht nun zu hoffen, dass die Schulen dieses schlechte Image ablegen können. Und dass es sich herumspricht, wenn sich Deutschlands Fachräume zu anregenden Lehr- und Lernumgebungen mit hohem Output an solide qualifizierten Schulabgängern entwickelt haben. Dann schauen Politik und Wirtschaft vielleicht auch wieder interessiert auf die eigenen Bildungseinrichtungen, statt vorschnell in die Ferne zu schweifen, um Lösungen für angebliche Mängel zu finden.
mho
Talentierter Fachkraft-Nachwuchs ist da. Wie seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt stehen, hängt aber auch vom „Krisenmanagement“ in Politik und Wirtschaft ab
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