Lernorte
Pädagogische Konzepte mit Sinn und Sinnlichkeit
Fortbildung jenseits des Klassenzimmers öffnet Blick für außerschulische Lernorte in Bremerhaven
Dörte Behrmann
Unter dem Motto „Bildung Ahoi!“ bündelt seit zwei Jahren die BIS Bremerhaven Touristik die pädagogischen Angebote der Museen für alle Altersstufen. Erstmals 2010 präsentierten sich die Attraktionen Klimahaus Bremerhaven 8° Ost, Deutsches Schiffahrtsmuseum, Deutsches Auswandererhaus, Historisches Museum Bremerhaven, Phänomenta Bremerhaven und der Zoo am Meer als außerschulische Lernorte. Bei den „2. Lehrerinfotagen“ Mitte August 2011 standen insgesamt 27 Vorträge, Einführungen und Führungen auf dem Programm. 283 Lehrer von 23 Schulen nutzten die kostenfreie Fachveranstaltung zu ihrer Weiterbildung.
Hoher pädagogischer Anspruch
Unter ihnen ist auch Sabine Ahsendorf, Realschullehrerin aus Leer. Auf ihrem Stundenplan steht zunächst die Phänomenta Bremerhaven. Sie hat keine Vorstellung davon, was sie erwartet und erstaunt fällt ihr Blick im Gebäude zunächst auf eine verwirrende Anordnung von Röhren, Holzstäben und seltsam aussehenden Installationen. Wozu die gut sind, erfahren sie und die anderen Lehrer von Ralf Seidel, Initiator und Leiter der Experimentierausstellung. Er erklärt auch die rund 80 Experimentierstationen, in denen man naturwissenschaftliche Phänomene mit ganz einfachen Mitteln selbst erleben kann.
Zum Beispiel das Chemielabor. Dort experimentiert gerade der fünfjährige Nils unter Anleitung von Mitarbeiterin Elvira Stock. Das Wort „Polymerisation“ könnte der kleine Junge sicher nur unter Schwierigkeiten aussprechen – und die Bedeutung des Begriffes ist ihm wahrscheinlich noch fremder. Dabei trägt er das Ergebnis der von ihm ausgelösten chemischen Reaktion gerade stolz in einer kleinen Tüte zur wartenden Mutter: wasserblauen ‚Monsterschleim‘. Ralf Seidel erklärt das pädagogische Konzept: „Der Anspruch der Phänomenta ist nicht, dass die Kinder Wissen anhäufen, sondern dass sie sich den angebotenen Phänomenen selbstbestimmt, interaktiv, forschend und miteinander kommunizierend nähern. Die Neugier und die Frage ,Warum ist das so?‘ sollen von selbst kommen.“ Bei Kindergartenkindern wie Nils dauert das sicher noch ein paar Jahre, doch schon jetzt haben Klein und Groß viel Freude an dem ungewöhnlichen Mitmachmuseum.
Augenöffner für Lehrer
Rund 20.000 Menschen allen Alters kommen jährlich in die Halle im Süden Bremerhavens, um die Experimentierstationen aus den Bereichen Naturwissenschaften, Technik und Mathematik auszuprobieren. Rund zwei Stunden verweilen sie in der Regel. So viel Zeit hat Sabine Ahsendorf heute nicht, daher führt Ralf Seidel einmal im Schnelldurchgang durch das Haus, bei dem die Lehrerin einer 5. Klasse rasch erkennt, dass eine Einbindung in ihren Unterrichtsstoff leicht herstellbar ist. Ihr Urteil zum Abschluss: „Eine tolle Idee, ich finde die Experimente ganz klasse und spannend. Ohne die Lehrerinfotage hätte ich diese interaktive Ausstellung nie besucht.“
Auf Freude am Mitmachen setzt auch Gero Klemke als Museumspädagoge des Deutschen Schiffahrtsmuseums. In dem 1975 eröffneten Nationalmuseum werden die vielen Seiten der Seefahrt erforscht und gezeigt. Doch was Peter Rosanowski, Gymnasiallehrer aus Bargteheide, fasziniert, der sich über Stunden mit den einzelnen Exponaten in den 21 Abteilungen gern beschäftigt, ermüdet die Kinder. Um das Interesse der Schüler zu gewinnen, hat sich Gero Klemke daher einiges einfallen lassen: Aufgaben-Rallyes und Aktionen wie zum Beispiel ein „Seemanns-Parcours“ zum Erlernen von wichtigen Fertigkeiten auf See. Je nach Alter bietet er zudem thematische Führungen an, in denen die Kinder unter anderem Antriebstechniken von Schiffen kennenlernen, sich Wissen über die Lichterführung und Befeuerung auf See aneignen oder sich mit dem „Star“ des Hauses vertraut machen: der Original Bremer Hansekogge von 1380. Die Erfahrung zeigt: Gero Klemke erreicht seine Zuhörer. Und egal, ob Groß oder Klein, auch die vor dem Gebäude im Hafenbecken liegende Museumsflotte zieht alle in den Bann. Jedes Schiff – gebaut wurden sie von der zweiten Hälfte des 19. über das ganze 20. Jahrhundert – hat eine eigene Aufgabe und einen individuellen Lebenslauf, zu dem der Museumspädagoge an diesem Tag Peter Rosanowski und seinen Kollegen viel zu berichten weiß.
Der Blick hinter die Kulissen in Bremerhaven hat den Lehrern viel Stoff zum Nachdenken geboten und viele fahren in der festen Absicht nach Hause, mit ihren Klassen wieder zu kommen.
Blick auf die Bremerhavener „HavenWelten“ – in der Mitte das Klimahaus, eines von sechs Science Centern, die die Schüler zum entdeckenden Lernen motivieren
© istockphoto.com/SKA-P
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